leo kene

Das Gebiet der Müllerstraße in Berlin-Wedding ist ein Gebiet, daß durch städtische Umbaumaßnahmen und kulturelle Projekte “aufgewertet” werden soll. An zentraler Stelle der Einkaufsmeile Müllerstraße liegt der Leopoldplatz, der gleichzeitig ein Verkehrsknotenpunkt ist. Der Leopoldplatz wird aufgrund seiner Lage von verschiedenen Gruppen genutzt: Einzelhändler, Einkäufer, Arbeitnehmer, Anwohner und auch Drogenszenen. Die von vielen ansässigen Gruppen ungeliebten Drogenszenen wurden Ende Juli 2011 an einen hinteren Teil des Leopoldplatz “verlegt”, in dem der Bezirk die Sitzbänke entlang der Nazarethkirchstrasse entfernte und sie an einem eigens für die Szenen angelegten Bereich hinter der alten Nazarethkirche wieder aufstellte. Die Gestaltung des neuen Aufenthaltsbereiches wurde durch einen Mediationsprozess zwischen den Gruppen begleitet. Nachdem die Bänke weg waren, suchte der Bezirk nach einer Möglichkeit die Aufmerksamkeit der übrigen Gruppen auf den neu “gewonnenen” Bereich zu lenken und eine neue Nutzung dauerhaft zu etablieren. So wurde nach einer temporären Kunstaktion, z.B. einer auffälligen Skulptur gesucht, die den umkämpften Raum öffentlich wirksam besetzen und markieren sollte. In anderen Worten sollte Kunst eingesetzt werden, um einen öffentlichen Raum gegen die Drogenszene abzuschotten bzw. zu behaupten.

Ich wurde eingeladen einen Projektentwurf anzufertigen und so sah ich mich konfrontiert mit den Interessen des Bezirks, den Interessen der Einzelhändler und z.T. der Anwohner, die die Drogenszenen nicht an diesem Ort des Leopoldplatzes haben wollen. Kunst darf in meiner Überzeugung niemals als ein Mittel instrumentalisiert werden,  um Menschen aus einem Raum auszugrenzen! Schließlich habe ich die Arbeit leo kene konzipiert.

Eine Bodenarbeit, die jederzeit betreten werden kann. Die verwendeten kene Muster markieren exemplarisch den umkämpften Raum. Mit der Verwendung dieser Muster nehme ich eine kritische Position zur Änderung der sozial-räumlichen Situation am Leopoldplatz ein.

kene – Muster, Zaun, Wand, eine Falle bauen

Vier Wochen lang klebte ich auf dem Boden kniend Muster auf das Trottoir, die eine Übersetzung der  kene Webmuster der Kashinawa Indianer darstellen. Wer sind die Kashinawa? Im Amazonasgebiet Perus und Brasiliens lebten die Kashinawa bis in die 90er Jahre autonom. Der kleine  Stamm lebt am Rand zweier Staaten und widersetzte sich lange Zeit gegen den Aufbau wirtschaftlicher Beziehungen mit peruanischen bzw. brasilianischen Siedlern. Die Weltanschauung der Kashinawa weicht ab von unseren Wertvorstellungen.

kene sind eng verbunden mit der Wahrnehmung der Kashinawa. Die geometrischen Formen der kene Muster haben ihren Ursprung in kollektiven Rauscherlebnissen der Kashinawa Indianer. Die Kashinawa etablierten einen gesellschaftlich verankerten Gebrauch des psychedelischen Drogensuds nishi pae, der aus bestimmten, eingekochten Lianenblättern gewonnen wird. Der Sud wird getrunken. Während der folgenden Drogenséance singen ein oder mehrere Sänger bestimmte, immer wiederkehrende Texte und Melodien.  Sie führen die Berauschten durch die zum Teil erschreckenden Bilder und Wahrnehmungen und  erinnern sie daran zurückzukehren in die Welt. So sorgen dafür, daß niemand einen Schaden davon trägt. Der erste Teil des nishi pae Rausches wird als sehr angenehm beschrieben, alles wird von Mustern überzogen wahrgenommen, sogar der eigene Körper.

Ausführliche Informationenn über die Kunst der  Kahinawa sind nachzulesen in “Wege der Sinne: Wahrnehmung und Kunst bei den Kashinawa-Indianern Amazoniens” von Barbara Keifenheim.

Herzlichen Dank an:
Franziska Becker
Rene Plessow

 

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Gefördert im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms
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